Zu viel – zu wenig

15. Jänner 2026

Kürzlich hat mich eine Klientin in einem Gespräch sehr berührt. Sie erzählte mir von ihrer Sorge, dass ich vielleicht keinen Termin mit ihr vereinbaren wollen könnte, weil sie – wie sie sagte – schon mit vielen Menschen sexuelle Erfahrungen gemacht habe. In diesem Moment wurde spürbar, wie tief die Angst sitzt, aufgrund der eigenen sexuellen Geschichte bewertet oder abgelehnt zu werden. Eine Angst, die viele Menschen kennen, ganz unabhängig von Behinderung, Geschlecht oder Lebensalter.

Für mich war dieses Gespräch ein Anlass, etwas klar auszusprechen, das meine Arbeit seit jeher prägt: Ich beurteile keine Menschen danach, wie viel oder wie wenig sexuelle Erfahrung sie gesammelt haben. Die Frage nach „zu viel“ oder „zu wenig“ ist keine objektive, keine moralische und schon gar keine, die andere beantworten dürften. Sie gehört ausschließlich der Person selbst. Was sich stimmig anfühlt, was neugierig macht, was vielleicht auch überfordernd war oder sich erst im Nachhinein richtig oder falsch anfühlt – all das ist Teil einer sehr persönlichen Geschichte.

Gerade Menschen mit Behinderung erleben immer wieder, dass über ihre Körper, ihre Bedürfnisse und ihre Sexualität geurteilt wird. Manchmal werden sie als unerfahren, naiv oder schutzbedürftig gesehen, manchmal als „zu fordernd“ oder „zu viel“, sobald sie ihre Lust selbstbewusst leben. Beide Sichtweisen nehmen ihnen etwas Entscheidendes: das Recht auf eine eigene, selbstbestimmte sexuelle Biografie.

In meiner Arbeit als Sexualbegleiter begegne ich Menschen nicht mit Maßstäben, sondern mit Offenheit. Mich interessiert nicht, ob jemand viele, wenige oder gar keine sexuellen Erfahrungen hatte. Mich interessiert, was sich die Person wünscht, wovor sie vielleicht Angst hat, was sie neugierig macht und wo ihre Grenzen liegen. Diese Wünsche und Grenzen können sich im Laufe des Lebens verändern, genauso wie Menschen sich verändern. Das ist normal und zutiefst menschlich.

Ich versuche, Erwartungen und Vorlieben meiner Klient*innen ernst zu nehmen, ohne sie einzuordnen oder zu bewerten. Äußeres Erscheinungsbild, körperliche Voraussetzungen, Krankheiten, Diagnosen oder vergangene Erfahrungen sind für mich keine Kriterien, nach denen ich Menschen einteile. Sie sind Teil der Lebensrealität eines Menschen, nicht seine oder ihre ganze Geschichte.

Sexualität ist kein Wettbewerb und keine Statistik. Sie ist Begegnung, Empfindung, Kommunikation – manchmal leise, manchmal intensiv, manchmal tastend, manchmal klar. Wenn Menschen zu mir kommen, sollen sie sich nicht fragen müssen, ob sie „richtig“ sind oder ob ihre Vergangenheit gegen sie spricht. Sie dürfen so da sein, wie sie sind, mit allem, was sie mitbringen.

Vielleicht ist genau das für viele die größte Entlastung: zu spüren, dass es einen Raum gibt, in dem nichts bewiesen und nichts gerechtfertigt werden muss. Einen Raum, in dem Erfahrung weder Plus- noch Minuspunkt ist, sondern einfach Teil eines individuellen Weges. Und dass dieser Weg Respekt verdient – immer.