Sexualbegleitung vs. Sexualassistenz
2. Jänner 2026
In der Debatte um sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen fallen oft zwei Begriffe in einem Atemzug: Sexualassistenz und Sexualbegleitung. Auf den ersten Blick scheinen sie das Gleiche zu meinen, doch bei genauerer Betrachtung zeigen sich fundamentale Unterschiede in der Philosophie, der Ausführung und dem Ziel der Dienstleistung.
Um zu verstehen, warum diese Unterscheidung für Betroffene, Angehörige und Fachpersonal so essenziell ist, müssen wir uns die Rollenverteilung und die emotionale Tiefe beider Konzepte ansehen.
Sexualassistenz: Die helfende Hand nach Anweisung
Das Wort „Assistenz“ leitet sich aus dem Gedanken ab, jemandem nach dessen expliziten Anweisungen zur Hand zu gehen. In der Welt der Inklusion ist das Modell der persönlichen Assistenz weit verbreitet. Hier fungiert der behinderte Mensch als Arbeitgeber und die Assistenzkraft als Arbeitnehmer.
Das Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis
In diesem Setting sagt die behinderte Person genau, was sie braucht. Die Assistenz führt lediglich das aus, was der Klient aufgrund seiner körperlichen oder geistigen Einschränkung nicht selbst tun kann. Ein entscheidender Punkt dabei ist die professionelle Distanz:
- Die persönlichen Gefühle und Meinungen der Assistenzkraft treten in den Hintergrund.
- Die Bewertung der Situation liegt allein beim Klienten.
- Die Assistenz wird nur so weit eingebracht, wie es die behinderte Person ausdrücklich wünscht.
So verhält es sich auch bei der Sexualassistenz. Sie ist funktional, unterstützend und folgt einer klaren Hierarchie der Selbstbestimmung durch Anleitung.
Sexualbegleitung: Die Reise der Surrogatpartnerschaft
Die Sexualbegleitung, wie sie beispielsweise im ISBB (Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter) praktiziert wird, folgt einem gänzlich anderen Ansatz: der Surrogatpartnerschaft.
Was bedeutet Surrogatpartnerschaft?
„Surrogat“ steht für „Ersatz“. In diesem Kontext bedeutet es, dass SexualbegleiterIn und KlientIn für eine begrenzte, vorher definierte Zeit eine emotionale Partnerschaft eingehen. Es handelt sich hierbei nicht um eine rein funktionale Dienstleistung, sondern um eine menschliche Begegnung auf Augenhöhe.
Innerhalb dieses geschützten Rahmens können Erfahrungen unterschiedlichster Art gemacht werden:
- Körperliche Nähe: Zärtlichkeit, Berührungen und sexuelle Handlungen.
- Emotionale Bindung: Das Erleben von Nähe, Wertschätzung und dem Gefühl, begehrt zu werden.
- Lernprozesse: Kommunikation über eigene Wünsche und das Kennenlernen des eigenen Körpers.
Das Ziel: Empowerment für den Alltag
Während die Assistenz oft punktuell hilft, eine Barriere zu überwinden, zielt die Sexualbegleitung auf eine langfristige psychologische Wirkung ab. Die gemachten Erfahrungen in der Surrogatpartnerschaft sollen helfen:
- Ein positiveres Selbstbewusstsein aufzubauen.
- Ein besseres Gefühl zum eigenen Körper zu entwickeln.
- Kenntnisse und Sicherheit zu gewinnen, um sich im normalen Lebensalltag eine erfülltere Sexualität oder sogar eine feste Partnerschaft aufbauen zu können.
Die Brücke: Wenn Begleitung zur Assistenz wird
Trotz der klaren Definitionen sind die Grenzen in der Praxis manchmal fließend – jedoch meist nur in eine Richtung. Erfahrene SexualbegleiterInnen verfügen über die Empathie und Professionalität, ihre Rolle anzupassen. Wenn es die Situation erfordert oder der Klient es sich wünscht, können sie jederzeit die Haltung einer reinen Sexualassistenz einnehmen.
Zusammenfassender Vergleich
Fokus der Sexualassistenz: Funktionalität, Ausführung nach Anweisung, professionelle Distanz, Kompensation körperlicher Einschränkungen.
Fokus der Sexualbegleitung: Emotionalität, Surrogatpartnerschaft, Selbsterfahrung, Aufbau von Selbstwertgefühl und Beziehungskompetenz.
Fazit
Beide Formen haben ihre Berechtigung und sind wichtige Säulen der sexuellen Selbstbestimmung. Während die Sexualassistenz die Handlungsunfähigkeit kompensiert, bietet die Sexualbegleitung einen Raum für emotionales Wachstum. Die Wahl zwischen beiden Angeboten sollte sich immer nach den individuellen Bedürfnissen und Zielen des Menschen richten.